
Performance trotz Empathie: Klarheit und Empathie gehören zusammen
Der Harvard Business Manager widmet seine Ausgabe 8/2026 dem Thema Empathie. Auf dem Titel steht die Zeile von der Superkraft in der Krise. Wir freuen uns, dass Empathie dort ankommt, wo über Führung entschieden wird. Bei einem Punkt setzen wir einen anderen Akzent: Empathie ist für uns eine Haltung und kein Werkzeug für den Ernstfall. Was das für empathische Führung im Arbeitsalltag bedeutet, beschreiben wir in diesem Beitrag.
Warum uns dieses Titelthema freut
Am 14. Juli 2026 ist die Ausgabe 8/2026 des Harvard Business Manager erschienen, mit Empathie als Titelthema. Für ein Magazin, das Führungswissen für Managerinnen und Manager aufbereitet, ist das ein Signal. Empathie hat den Sprung von der Nische in den Kern der Managementdebatte geschafft.
Für uns in der empathiewerkstatt ist dieses Thema seit Jahren die Grundlage unserer Arbeit. Umso mehr freut uns, dass es jetzt auf einem der einflussreichsten Titel im deutschsprachigen Management steht.
Empathische Führung: Superkraft für die Krise oder Haltung für den Alltag?
Die Zeile auf dem Titel beschreibt eine verbreitete Sicht: Empathie als Fähigkeit, die man aktiviert, wenn die Lage schwierig wird. Genau an dieser Stelle beginnt für uns die interessante Frage.
In unseren Trainings und Coachings erleben wir, dass Mitarbeitende den Unterschied sofort spüren. Wenn eine Führungskraft in bestimmten Situationen zu einer Technik greift, wirkt das wie ein Werkzeug, das man aus der Toolbox holt und an jemandem anwendet. Dieses Werkzeug kommt dann zum Einsatz, wenn es der Führungskraft opportun erscheint und dem Unternehmen dient. Und genauso wird es gelesen.
Verstehen wir Empathie hingegen als Haltung, verändert sich die Rechnung. Empathische Führung bleibt dann bestehen, unabhängig davon, wie die unternehmerische Situation gerade aussieht. Menschen wissen dann verlässlich, dass sie es mit einer empathischen Führungskraft zu tun haben. In der Wachstumsphase genauso wie in der Restrukturierung.
Was bedeutet Empathie als Haltung?
Empathie als Haltung bedeutet: Die Bereitschaft, die Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers wahrzunehmen, besteht unabhängig von der Lage des Unternehmens. Sie wird weder situativ aktiviert noch in ruhigen Zeiten weggelegt. Mitarbeitende können sich darauf verlassen, gerade dann, wenn Entscheidungen unangenehm werden.
Selbstempathie: warum empathische Führung bei einem selbst beginnt
Zu unserem Empathieverständnis gehören auf Basis der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg zwei Komponenten, über die in der Führungsdebatte selten gesprochen wird. Die erste ist die Selbstempathie.
Selbstempathie heißt, dass ich mir zunächst über meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse in einer Situation klar werde. Als Führungskraft stehe ich selbst unter Druck. Im mittleren Management kommt die Sandwichposition hinzu: von oben die Anforderungen des Topmanagements, von unten die Erwartungen des eigenen Teams.
Genau hier wirkt Selbstempathie als Selbstreflexionsprozess. Sie schafft für mich selbst Klarheit und Orientierung darüber, was das Erlebte mit mir macht. Diese Klärung ist die Voraussetzung dafür, dass ich anschließend überhaupt klar auftreten kann.
Was ist Selbstempathie?
Selbstempathie ist der innere Klärungsprozess, in dem eine Führungskraft die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu einer Situation erkennt, bevor sie handelt oder kommuniziert. Sie ist die Grundlage für Klarheit im Gespräch und schützt davor, unter Druck reflexhaft zu reagieren.
Aufrichtiger Selbstausdruck: Empathie ist keine Einbahnstraße
Aufrichtiger Selbstausdruck: Empathie ist keine Einbahnstraße
Die zweite Komponente ist der aufrichtige Selbstausdruck. Er gibt mir die Möglichkeit, das Ergebnis meiner Selbstempathie klar und aufrichtig zu kommunizieren. Gegenüber den eigenen Vorgesetzten genauso wie gegenüber Kolleginnen, Kollegen und Teams.
Damit verbunden ist eine Überzeugung, die in vielen Empathiedebatten fehlt: Auch als Führungskraft habe ich ein Recht auf Empathie. Empathie ist keine Einbahnstraße. Wer dauerhaft nur gibt, hält das auf Dauer nicht durch. Das ist aus unserer Sicht einer der Gründe, warum gut gemeinte Empathieinitiativen in Organisationen nach einiger Zeit erschöpfen.
Klarheit und Empathie sind kein Gegensatzpaar
Für uns in der empathiewerkstatt gilt das Gegensatzpaar Empathie oder Klarheit deshalb nicht. Beides ist wichtig und beides ist gleichrangig.
Klarheit heißt: Ich kann klar, konkret und aufrichtig ausdrücken, worum es mir geht und welche Gefühle und Bedürfnisse ich zu einem Thema habe.
Empathie heißt: Ich bin bereit, auf die Gefühle und Bedürfnisse meines Gegenübers zu schauen und die Perspektive zu wechseln.
Nach unserer Erfahrung sind das genau die Gespräche, die den Unterschied machen.
Connection before Correction
Denn zuerst geht es um die Beziehungsebene, um das Zwischenmenschliche. Wenn die Beziehungsebene passt, klären wir danach mit den Mitarbeitenden die Sachfragen. Wir sagen dazu: Connection before Correction.
Unsere Erfahrung zeigt: Menschen sind bereit zu kooperieren und zu einer Lösung beizutragen, wenn sie mit dem, was ihnen wichtig ist, gehört und ernst genommen werden. Wenn wir das einmal auf uns selbst beziehen: Geht es uns nicht allen so?
Vom Prinzip zur Praxis: Kulturwandel bei einer großen Krankenkasse
Wie sich ein solcher Wandel in der Kommunikationskultur umsetzen lässt, haben wir in einem mehrjährigen Projekt bei einer großen Krankenkasse gezeigt.
In unserem Buch „Performance trotz Empathie | Wertschätzend kommunizieren, erfolgreich führen, produktiv arbeiten“ beschreiben wir, wie dieser Kulturwandel gelingen kann und welchen Einfluss er auf die Performance des Unternehmens und auf das zwischenmenschliche Miteinander hat. Der Titel ist bewusst provokant gewählt. Er greift die verbreitete Annahme auf, Empathie koste Leistung. Unsere Projekterfahrung zeigt das Gegenteil.
Human Skills: warum empathische Führung eine Zukunftskompetenz ist
Fähigkeiten wie diese fassen wir unter dem Begriff Human Skills zusammen. Der Begriff macht deutlich, worum es geht: um die Kompetenzen, die den Menschen in der Zusammenarbeit ausmachen, als Gegenstück zu fachlicher und technologischer Kompetenz.
Je mehr Aufgaben von KI übernommen werden, desto stärker entscheidet die Qualität der Gespräche zwischen Menschen über Zusammenarbeit, Bindung und Ergebnis. Empathie als Haltung, Selbstempathie und aufrichtiger Selbstausdruck bilden für uns den Kern dieser Human Skills.
Häufige Fragen zu empathischer Führung (FAQ)
Ist Empathie eine Technik oder eine Haltung?
Empathie lässt sich als Technik trainieren und situativ einsetzen. Wir verstehen sie als Haltung, weil Mitarbeitende sehr genau wahrnehmen, ob Zuwendung an eine günstige Gelegenheit geknüpft ist. Eine Haltung wirkt unabhängig von der wirtschaftlichen Lage und schafft dadurch Verlässlichkeit.
Was ist Selbstempathie in der Führung?
Selbstempathie ist der Klärungsprozess, in dem eine Führungskraft die eigenen Gefühle und Bedürfnisse erkennt, bevor sie in ein Gespräch geht. Sie ist besonders im mittleren Management relevant, wo Anforderungen von oben und Erwartungen des Teams gleichzeitig auf eine Person treffen.
Schließen sich Klarheit und Empathie aus?
Aus unserer Sicht gehören beide zusammen und sind gleichrangig. Klarheit bedeutet, das eigene Anliegen konkret und aufrichtig auszusprechen. Empathie bedeutet, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen. Empathische Führung verbindet beides in einem Gespräch. Gespräche, in denen beides vorkommt, führen erfahrungsgemäß zu tragfähigeren Ergebnissen.
Haben Führungskräfte selbst das Bedürfnis nach Empathie?
Ja. Empathie ist keine Einbahnstraße. Führungskräfte stehen unter Druck und brauchen ebenfalls Räume, in denen ihre Gefühle und Bedürfnisse gehört werden. Fehlen diese Räume, wird empathische Führung auf Dauer schwer durchzuhalten
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